"Jetzt ist es soweit" und "Identitätsdebatte"


"Jetzt ist es soweit", manchmal heißt es auch "jetzt bin ich soweit"! Dieser übliche Seufzer, der einem entfährt, wenn die ersten Schritte zum eigenen Blog gelungen sind. Man kommt sich unglaublich glücklich vor, als hätte man was wirklich Neues erfunden, wie eine neue Kompositionstechnik. Leider verhält es sich mit beidem etwas anders: unendlich viele Menschen haben diesen Stoßseufzer bereits vor mir abgelassen, nicht ganz so viele, dennoch immerhin ca. 10.000 europäische KomponistInnen der immer noch sog. "Neuen Musik" glauben mit jedem Stück doch vielleicht noch etwas umwerfend Neues erschaffen zu haben. Wieviel indische und chinesische KomponistInnen der "Neuen Musik" gibt es heute schon? Es wird einem ganz Angst und Bange. Jene KollegInnen stürzen sich seit zehn, zwanzig Jahren mit einer Freude in die "Neue Musik", an der wir Europäer und auch die wenigen Nordamerikaner immer mehr zweifeln. Überhaupt verzweifeln wir sehr gerne, DIE Hauptaufgabe der "Neuen Musik". Wir bejammern die Konkurrenz, das fehlende Publikum, das Unverständnis von Kollegen und Kritik, drohende Fusionen, Schliessungen und Mittelkürzungen, allseits ein langgezogenes "Habe aaaaach...".


So kommt mir die neueste Kultur-Ignoranz-Meldung ganz gelegen: die Staatsministerin Maria Böhmer ruft einen Bundesbeirat Integration ins Leben. Dabei vergass sie allerdings deutsche Vertreter der kulturellen Spitzenverbände miteinzubeziehen, wie der Deutsche Kulturrat laut NMZbemäkelt. Dafür fleissig Vertreter der Religionsgemeinschaften, der Wohlfahrt, der Bildung, der Wissenschaft und des Sports. Es soll v.a. über "Spracherwerb, Bildung und Arbeitsmarkt" verhandelt werden. Als grosses Nebenfeld sei der Beirat eine Plattform, so die Ministerin, für "Diskussionen über Zuwanderung sowie für eine Identitätsdebatte". 


Worüber definiert sich nun ein zugewanderter Mensch besonders? War da nicht was mit "Kultur"? Die eingeladenen Spitzenverbände der Zuwanderer, v.a. aus Süd- und Osteuropa sowie dem Nahen Osten, verstehen sich einerseits gewiss als landsmannschaftliche Verbände. Dennoch sind sie vorwiegend Kulturvereine, in denen die Zuwanderer ihre kulturellen Traditionen von besonderen Festen bis zu Literatur und Musik pflegen. Warum sitzen ihnen nun keine deutschen Kulturvertreter gegenüber? Ist es ein Zuständigkeitsproblem des Bundes? So dürften auch keine Vertreter der Landeshoheitsgebiete wie Bildung, Wissenschaft und Wohlfahrt mit am Tisch sitzen.


Das einzige was dafür sprechen könnte: die Kultur ist kein gesellschaftliches Konfliktfeld zwischen Deutschen und Zuwanderern. Gewiss geht es im Sport schon mal rüder zur Sache, wird fremdenfeindlich am Arbeitsplatz und in der Schule gemobbt. Was ist dann aber mit der Wissenschaft? Dort arbeiten Menschen unterschiedlichster Herkunft wohl friedlich zusammen, abgesehen von üblichen zwischenmenschlichen Chemieunfällen. 


Nun, so darf die Kultur keinenfalls fehlen! Mitunter ist Deutschland ein Kultur-Einwanderungsland, man denke an die Asylpolitik mit der Aufnahme verfolgter Intellektueller, man denke an das hiesige traditionelle Musikleben, welches immer schon Zuwanderer anzog. So ist jeder Opernchor, jedes Kulturorchester ein Beispiel für alltäglich gelungene Integration, einfach aufgrund der Kulturberufe und ihrer Anforderungen, die die Menschen doch zusammenbringen. Mag es hier auch Diskriminierung von Zuwanderern geben, schimpfen manche über eine "Schwemme osteuropäischer Musiker". Gerade aber wegen der gelungenen Beispiele darf man die Kultur nicht aussen vor lassen. Sie könnte für heiklere Bereiche Vorbild sein. So aber verschliesst sich die Debatte des Bundesrates für Integration, die gesellschaftlich umfassend sein will. Und erfindet das Rad für sich so ganz neu, wie meine lieben KollegInnen ihre neue Schreibtechniken und ich mein eigenes "jetzt ist es soweit".


Ich wünsche mir doch ein paar Leser, das hätte ich ganz vergessen...


Viele Kommentare und Kontroversen,


Euer Alexander Strauch 



Trackbacks

  1. Struach blogt

    Alexander Strauch bloggt endlich auch. Die neue Musik darf sich freuen: Man kommt sich unglaublich glücklich vor, als hätte man was wirklich Neues erfunden, wie eine neue Kompositionstechnik. Leider verhält es sich mit beidem etwas anders: unendlich v

Kommentare

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  1. Moritz Eggert schreibt:

    toi, toi, toi, mein Lieber! Ich werde bald gebührend auf Deinen Blog verlinken im Bad Blog!


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