Kennen Sie den singenden Pianisten?


Glenn Gould vs. Glenn Gould versuchte sich im Carl-Orff-Saal des Gasteigs der Persönlichkeit des grossartigen kanadischen Bachpianisten zu nähern. Der Schauspieler-Pianist Danny Exnar und der Kammersänger Christopher Robson vollziehen dies im Duo. Am Ende blieb in Gert Pfafferodts Inszenierung nur der Musiker in seiner Einsamkeit übrig.

München kannte auch einmal einen publikumsscheuen Musiker: der unvergessene Dirigent Carlos Kleiber! Spricht man über seine Tondokumente, herrscht frohe Einigkeit. Streitbarer wird es beim pianistischen Pendant Glenn Gould. Nach jugendlichen Anfängen in den Fünfzigern machte er mit seiner Drohung ernst, sich als nicht mal Mittdreissiger von den Konzertpodien zurückzuziehen. Bis zu seinem Tod 1982 spielte er nur noch Aufnahmen ein und hinterließ uns so Berge mit Musik von Bach und Beethoven, kaum Anderes. So liegt er total neben dem üblichen Repertoire. Bizarr wirkte zudem sein autistisches Mitsingen seiner Aufnahmen und früheren Auftritte (seine Mutter ließ ihn anfangs jahrelang beim Üben mitsingen), der abgesägte Klavierhocker, der ihn wie einen Gnom vor dem Flügel erscheinen ließ.


Diese Absurditäten waren die Antworten, die das Publikum dem Gould-Darsteller Danny Exnar im eröffnenden Ratespiel gab. Da konnte noch jeder mithalten, der Gould nur flüchtig kannte. Fragte Exnar am Klavier kurze Motive anspielend nach Werk und Komponist, blieb den Zuschauern nur Schwitzen und Beten. Erstaunlich war, wie Exnar Bach spielend und wie Gould mitsingend, nicht ins Banale abstürzte, sondern daran vorbeischrammte. Weiterhin steuerte er in der Regie von Gert Pfafferodt etlich Anekdotisches zum Leben Goulds und seiner Einsamkeit bei, was allein bald ermüdend gewesen wäre, hätte es da nicht den Sängerpartner Christopher Robson an seiner Seite gegeben. Der Countertenor setzte als Sänger alter Gospels, als aufdringlicher Fan, als Barbara Streisand und gar Bach den musikalisch-szenischen Kontrapunkt. Ärgerlich war die Störung von Robsons Vortrag T.S. Eliots „Alfred Prufrocks Liebesgesang“ durch erneute Publikumsbeteiligung und unnötige Michelangelo-Pietà Doppelung, von dem in jenem Gedicht selbst die Rede ist. Wunderbar wirkte allerdings der Schluss des Stücks: Isoldes Liebestod vom Countertenor ohne Begleitung allein in den hallenden Resonanzraum des Flügels gesungen. Jetzt wusste man, was das Sternenmobile des Malers Bernd Zimmer als Bühnendekor sollte.


Man hätte sich von den kleinen Spielszenen mehr gewünscht oder weniger ein Nachspielen denn mehr Nachsinnieren über Glenn Gould. So wirkte der Abend aber unentschieden zwischen Show, Vortrag, Konzert und Theater, flüchtete man sich in den Begriff Performance. Dazu wäre es aber nötig gewesen, das Doppelspiel Erzähler – echte Person deutlicher umzusetzen, wäre durch ein dritten Darsteller oder filmische und andere mediale Zitierung Goulds als Realperson hilfreich gewesen. Es ergab sich ein wehmütiges Erinnern an den geliebten Musiker für eingefleischte Glenn Gould Kenner: Wer Gould dagegen nur dem Namen nach und von Aufnahmen flüchtig kannte, hatte wenig Chancen, den Menschen dahinter kennenzulernen, der zwar einsam gewesen sein mag, sich aber darauf und sein musikalisches Wirken nicht reduzieren läßt.


Alexander Strauch


Bitte vormerken: Nochmals am 8., 10. und 12. Februar 2012 in der Black Box, Gasteig


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