NACHT-ZEIT-MORD mit Boses Brudermord nach F. Kafka im i-camp

Und wie war's nun? Der ruhigste Teil mit Ursula Deuker, einer unikaten Bühnen- und Gesangskünstlerin als Muse im Tanz mit Manfred Killer als lyrischer Mittelpunkt, Schaltstelle beeindruckte am meisten. Der Brudermord wurde von Bose Ende der 80er schon einmal als labyrinthisches Zeitschichtenstück in Angriff genommen, in frei musikantischer Schnauze die Chronologie des kurzen Kafkatextes, der das Zustandekommen eines motivlosen Mords zeigt, durcheinander wirbelnd. Für diese Aufführung, die neben der o.g. Musenneukomposition auch Einspieler aus dem Klaviertrio - bezeichnenderweise auch eine "Musik für K." - sowie ein einleitendes, wohl neu geschriebenes Trio Bariton-Mezzo-Cello präsentierte, rückversetzte Bose den "alten Brudermord" von anno dazumal in die ursprüngliche Kafka-Textchronologie. So hörte man dasselbe Material zweimal.


Ob es nun bei der Wiederholung in der rein musikalischen Zeitgestaltung besser wirkte oder eben gerade wegen der neue kompilierten "texttreuen" Herangehensweise schon ein wenig vertrauter schien: der rein musikalische Zugang erster Facon trug den Gewinn davon. Natürlich blieb das Material auch in der neuen Version labyrinthisch. Es wurde ja nie in erzählender Zeitabfolge komponiert, zum Libretto, um dann zerfurcht zu werden, nein, es war von Anfang an zerschnitten und schien in der Erstversion musik-logischer als in der zuerst gehörten Neuen Variante - wobei diese tatsächlich als Vorausnahme des alten Stücks das Hören der Urversion erleichtert. So hatte man auch die Gelegenheit, den Text zweimal zu verstehen, der sich trotz des kleinen Raums nicht immer einfach erschloss, gerade in seinen kafkaesken Verdrehtheiten. Zugegebenermassen ist somit eine vorausgehende Textlektüre fast Pflicht. Warum allerdings im weiteren Verlauf nicht die ersten Textprojektionen der Einleitung zumindest als Schlagworte weiterverfolgt wurden, bleibt wohl ein Produktionsgeheimnis.


Hector Guedes - Bariton der Erstversion wie dieser Version - leistete Immenses als Sänger, manchmal hätte man sich etwas weniger darstellerische Expression gewünscht, so nah man als Zuschauer dem Geschehen war: das icamp wurde fast gesprengt von der südamerikanischen Energetik des Sängers. S. Hess am Cello und K. Ishchenko am Akkordeon gaben sich redlich Mühe und gaben die entsprechende instrumentale Vertiefung. Ihre sprachlichen Aufgaben hätten ein wenig klarer, lauter artikuliert sein können - wirkten sie doch wie ein Chor.


Allen Kostüm- wie Regieideen, die sehr vielfältig waren, sich an der Zeit der 20er/30er des letzten Jhds. orientierten, zum Trotz bleibt die Frage, ob das Stück in seiner Zwitterstellung zwischen Musiktheater und Hörspiel nicht doch besser konzertant aufgeführt worden wäre. Immerhin leistete auch der kleine Job des Strassenfegers und Schattens in Person von Tobias Christian Mayer erfreuliches, hätte dessen Job, der Auftritt des Schauspielers Killer, der Muse doch deutlich mehr Gewicht verdient, um ein "richtiges" Musiktheater zu ergeben mit Brechungen ins Sprecherische, Mimische, ja, warum diese kleinen Leute nicht auch was singen lassen, wo es die Musiker schon tun mussten, die Musik selbst was bänkelsängerisches hatte, man auch an Brecht/Weill kurz dachte?!


Auf alle Fälle eine eindrucksvolle Rückkehr Boses auf die Musikbühnen der Stadt München. Vielleicht tut ihm und seiner Musik jetzt auch erstmal der Off-Charakter der Freien Musikszene sehr gut, findet er in ihr einen besseren Platz, als in der Eintagsfliegenfreude und Abgeschlossenheit der Hochkultur. Ob man nun Kafka vertonen muss und kann oder in Heidenrespekt seine Finger von ihm lassen sollte, das wird wohl eine Geschmacksfrage bleiben. So diebisch wie sich Boses Libretto an Kafkas Bildern rieb, ihren Spass hatte, so hätte man sich manchmal noch mehr lächelnde Distanz von Sänger und Regie gewünscht. Die Musik zumindest hat bei der entsprechenden Geschmacksentscheidung haufenweise Potential dazu.


Alexander Strauch 


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