Nachlese zur Berichterstattung der Hope-Lücker-Shred-Krise


Auf den Inhalt des Videos, mit dem Arno Lücker einen Auftritt von Daniel Hope mit dem Komponisten Einaudi in Form eines Shreds verbal und musikalisch verarbeitete, möchte ich nicht eingehen, da ich es nicht gesehen haben bzw. mir nur aus dem offenen Brief von Moritz Eggert aus dritter Hand bekannt ist. Dessen Bewertung mag rechtlich oder künstlerisch interessant sein. Aber mit dem Versöhnungsbild von Hope/Lücker/Joachim ist dieser Vorgang beendet.

Hier geht es um Fragen, die Berichte über diverse Interventionen aufwerfen, die Arno Lückers Wirken als freier Moderator beim Konzerthaus Berlin und als Autor des Badblog of Musick verunmöglichen wollten. Zudem wirft die Berichterstattung dazu einige Fragen auf, da sich Details von Mal zu Mal änderten.

Ganz klar: die Interventionen, mutmasslich von Hope beim Konzerthausintendanten Nordmann, mutmasslich vom Deutsche Grammophon CEO Clemens Trautmann bei der Neuen Musikzeitung (nmz) gehen gar nicht. Nun wird über die DG berichtet, dass Trautmann nicht die Entlassung Lückers beim Badblog forderte. So oder so damit wird nicht das Hope beleidigende Video verfolgt, sondern der Person Arno Lücker wird das weitere Wirken als Moderator und Autor an seinen bisherigen Wirkstätten verunmöglicht. Mag im Video ein Grundrechtseingriff vorliegen, der privatrechtlich zu regeln war, liegen damit sogar mehrfache Grundrechtseingriffe vor:
a) gegen die Freiheit der Person Arno 
Lückers, sich frei als Moderator und Autor zu entfalten,
b) in dessen Zuge gegen die Freiheit 
der Berufsausübung und
c) gegen die Pressefreiheit der Neuen Musikzeitung, insbesondere den Badblog of Musick, die Veröffentlichungswege der Autoren so gestalten wie es ihr beliebt.
Es ist zu hoffen, dass dies mutmasslich bleibt.

Ein Eingriff ist schon drastisch, mag das auch öfters vorkommen, wie immer wieder ältere Autoren berichten. In der Ballung ist das allerdings im Bereich der Klassikberichterstattung einmalig. Nachdem Daniel Hope als Sympathieträger für das Zürcher Kammerorchester, die Dresdner Frauenkirche, als artist of residence
u mfassend tätig ist, im WDR im Radio moderiert, wie Lücker auch eine Reihe im Konzerthaus Berlin, Echo-Preisträger ist, wächst seine Rezeption im deutschsprachigen und internationalen Feuilleton. In der Regel sind die Kritiken positiv, jubeln wie z.B. der hier verlinkte Blogbericht zu einem Auftritt in der Elbphilharmonie, derweil eine im großen und ganzen positive Kritik des Hamburger Abendblatts doch Einwände gegen einige Fehler in Mozarts Violinkonzert KV 216 äussert, also im klassischen Hauptrepertoire, derweil das Crossoverrepertoire zu klappen schien. Sollte Hope so wie gegen Jens P. Laurson des Forbes-Magazin in Zukunft reagieren, wägt man die seine mutmasslichen Interventionen gegen Lücker sowie des ihn promotenden Labels Deutsche Grammophon und ihres Chefs Trautmann bei der nmz, wird eine angemessene kritische Betrachtung nicht mehr möglich sein.

Der seriöseste, offenste und dennoch bestimmt fordernde Beitrag ist der
offene Brief von Moritz Eggert.

Kritik verdient allerdings auch die teilweise chaotische Informationslage der Berichterstattung zur Krise. Das hängt damit zusammen, dass Lücker höchstwahrscheinlich die Hauptquelle der Ereignisse ist, was ja auch sein gutes Recht ist, da er um seine Existenz kämpfen muss. Die Nichtreaktion der Beteiligten auf mögliche Nachfragen der Berichterstattung wie z.B. vielleicht auch bei
BR-Klassik, die seitens Hopes/Nordmanns wohl nur Statements zitieren konnte, gerade wenn eben ein seriöses Medium wie der Bayerische Rundfunk anfragt. Sollte der BR allerdings nicht angefragt haben, müsste dort das Qulitätsmanagement der Berichterstattung verbessert werden. Aus großer Sympathie mit dem BR gehe ich davon aus, dass nur Lücker erreichbar war. Statt wie später das VAN-Magazin von der Entlassungsforderung an die NMZ in Bezug auf Lücker berichtet, schreibt BR-Klassik, dass den freiheitlichen Usancen des Badblog of Musick entgegen jeder Beitrag Lückers redaktionell zu kontrollieren sei.

Die lausbübischen Auslassungen des
VAN-Magazins zum gelöschten Shred wiederum gehen gar nicht! Auch hier mag Lücker die Hauptquelle gewesen sein. Neutralität verheisst das nicht. Denn die hat Hope bei aller Kritik an seiner Unsouveränität im Umgang mit dem Video verdient. Wenn diese positive Bewertung des absenten Videos der einzige Weg war, die New York Times für den Fall zu interessieren, die alle Seiten an die Strippe bekam, mit der kleinen Unschärfe, Eggert für den Poster des Videos auf dem Badblog zu halten, dann hat dies wiederum seine Berechtigung. Wirft aber wieder ein negatives Bild auf die nötige Aufmerksamkeitsspanne, damit z.B. auch FAZ oder Zeit oder SZ, die alle nicht berichteten, loslegen. Dennoch bleibt der Eindruck von journalistischer Unschärfe seitens des VAN-Magazin, das seinen Autor „heraushauen“ wollte. Ob die Information über die mutmassliche Intervention des DG-Trautmann aufgrund fehlender Bestätigungen durch Trautmann oder auch offiziell seitens der nmz nötig war und nicht im Ungefähren hätte bleiben sollen, ist eine eigene Frage. Oder sollte so auch Druck auf die nmz aufgebaut werden? Ich schätze mal, dass es einfach als Text von mehreren Autoren mit nur einer Quelle zu diesen Unschärfen und Sensationen kam. Hundert11 machte dann aus den Anruf bei der nmz einen beim Konzerthaus - inzwischen korrigiert.

Ob ich mich selbst kritisieren muss, dass ich aufgrund all der Publikationen an den Facebook-Walls von Konzerthaus, DG und Hope Fragen zu deren mutmasslichen Interventionen bzw. bei ihnen erfolgten Interventionen stellte, sei dahingestellt. Mich erregten diese schweren Eingriffe masslos. Wichtig ist für 
mich, dass Arno Lücker, nachdem er und Hope sich versöhnten, am Konzerthaus weiter wirken kann. Wie Wendelin Bitzan berichtet, erschien nachts von 19./20.1.18 kurz ein Anne Sophie Mutter Shred. Das erschien mir vom Zeitpunkt her sehr ungünstig und so zog ich daher meine Fragen an den Walls, nachdem ich sie erst revidiert hatte und darob mit Lücker stritt, wofür ich mich hiermit entschuldige, zurück und ersetzte sie nach dem Versöhnungstreffen mit einem Ruf nach „let prevail clemency.

Ich hoffe jedenfalls, dass das Feuilleton sein Selbstbewusstsein nicht verliert. 
Ich hoffe, dass die Kunst des Shreds zukünftig auf höchsten Niveau stattfindet, es sei denn, man möchte mutmassliche sexuelle Vergehen z.B. von Levine und Dutoit explizit satirisch verarbeiten. Aber ob man die Kunst von Daniel Hope nun mag oder eben nicht, er hätte Shreds auf Höhe der Perlman-Shreds verdient oder man postet eben man eine nicht so gelungene Aufführung und bespricht die ausführlich. Ich hoffe, dass die nmz das ihre wieder zurückerobert. Auch hier berichtet Bitzan über ein kurzzeitig erschienenes editorisches Statement. Da es wichtig ist, dass Lücker und Hope sich versöhnten, war es o.k., dass es wieder von uns ging. Dennoch sollte meinetwegen eine Klarstellung der nmz erfolgen, was sie von ihren Autoren erwartet, was sie sich aber an Eingriffen sich selbst gegenüber und ihren Autoren nicht erwartet.

Eine ausführliche Chronologie findet sich an der
Facebook-Wall von Wendelin Bitzan. Hier ein kleiner Auszug davon, v.a. in Hinblick zu Details der Berichterstattung zur Entlassung Lückers durch das Konzerthaus und mögliche Interventionen bei der nmz:

29.12.17 Arno Lücker veröffentlicht seinen Hope/Einaudi-Shred auf seinem Youtube-Kanal und verbreitet ihn über seine Autorenseite auf dem Badblog of Musick. Wenige Stunden später entfernt Lücker das Video wieder, wozu ihn Daniel Hope über seinen Anwalt zur Unterlassung und einer hohen Strafsumme dazu zwingt.

12.01.18 Das Konzerthaus Berlin erklärt Lücker, ihn mit der folgenden Spielzeit nicht mehr als Moderator freiberuflich zu engagieren.

15.01.18 Moritz Eggert veröffentlicht im Badblog of Musick einen
offenen Brief und bittet darin, dass Hope seine anwaltlichen Schritte zurücknimmt und dass das Konzerthaus Berlin Lücker weiterhin engagiert. Eggert legt dar, dass

a) trotz möglicher gütlicher Einigung mit dem Konzerthaus, möglicherweise Hope Druck ausübte, dass keine gütliche Einigung stattfindet („Dass diese Kündigung auf Ihr Betreiben hin, Herr Hope, stattfand, ist relativ eindeutig, denn kurz vorher war eigentlich bei Gesprächen mit Lückers Arbeitgeber eine Möglichkeit der freundlichen und gütlichen Einigung in Sicht, denn auch diesem war wohl die fehlende Bösartigkeit des Shred-Unterfangens schnell klar. Aber natürlich sind Sie, Herr Hope, ein weltberühmter und angesehener Star, und daher konnten Sie Ihrem Zorn mit Ihrer großen Macht Luft machen, nämlich indem Sie die zukünftige Arbeit einen jungen Konzertdramaturgen unterbinden, der im Konzerthaus bisher eine beliebte Konzertreihe erfolgreich kuratiert hat.“) und

b) Druck ausgeübt worden sei, damit Lücker nicht mehr im Badblog of Musick veröffentlicht bzw. zensiert wird („Ich habe erfahren, dass Arno Lücker nun auf Ihren Wunsch auch im Blog aufhören soll, zu publizieren, seine Artikel sollen zensiert werden, er soll auch hier gemaßregelt werden.“

16.01.18 Das Konzerthaus gibt seine Entscheidung, Lücker nicht weiter zu beschäftigen, öffentlich als
Kommentar auf den Seiten des Badblog of Musick bekannt: „Stellungnahme des Intendanten Sebastian Nordmann: „Es ist der Eindruck entstanden, wir hätten Arno Lücker am Konzerthaus gekündigt. Dies ist nicht der Fall. Arno Lücker moderiert als freier Mitarbeiter fünfmal in der Saison die Reihe „2x hören“ am Konzerthaus Berlin. Ich habe lediglich entschieden, ihn für die kommende Saison nicht erneut als Moderator zu engagieren. Es geht mir dabei nicht um den „Shred“ als solchen, sondern um den eingesprochenen Text mit sexuellen Ausdrücken, die ich als beleidigend und respektlos empfinde. Diese Art von „Humor“ ist nicht mit den Aufgaben eines Moderators vereinbar, der zugleich Gastgeber am Konzerthaus ist.“

17.01.18 Daniel Hope veröffentlicht über
slippedisc ein Statement, dass für ihn die Sache nach der Entschuldigung von Arno Lücker erledigt sei. An der Haltung des Konzerthauses ändert dies nichts: „Gestern ist ein “offener Brief“ auf sozialen Netzwerken veröffentlicht worden, der folgende Richtigstellung veranlasst: Im Kern geht es um ein von Arno Lücker bearbeitetes Video („Shred“), das einem Moderations-Auftritt von mir eine andere als die originale Tonspur hinterlegt – und zwar explizite Worte über Genitalien, Exkremente und sexuelle Handlungen. Dem Zuschauer erscheint es so, als ob ich diese Worte über mich selbst spreche. Nach einer Entschuldigung durch Herrn Lücker in einem persönlichen Schreiben ist die Sache für mich nun geklärt. Ich würde mir wünschen, dass wir uns nun alle dem widmen, was unser Beruf und Berufung ist: der Musik.“

17.01.18
BR-Klassik veröffentlicht einen Text, der die Situation zusammenfasst. Hier heisst es milder als im offenen Brief Eggerts, dass der Chefredakteur nun jede Blog-Veröffentlichung Lückers freigeben müsste. Zudem habe BR-Klassik das inkriminerte Video nicht vorgelegen: „Im besagten Blog der Neuen Musikzeitung müssen die Einträge von Lückers ab jetzt vom Chefredakteur freigegeben werden. Für diesen Blog ist das unüblich und nicht der gewohnte Veröffentlichungsweg.“

18.01.18 Die englische Version des
VAN-Magazins sagt, das Shred-Video gesehen zu haben und bewertet es positiv. Wichtiger ist der Bericht, dass mutmasslich der Deutsche Grammophon CEO Clemens Trautmann persönlich bei der nmz gegen Arno Lückers weitere Beschäftigung als Blogger intervenierte: „Still, the president of Deutsche Grammophon, Clemens Trautmann, called the Neue Musikzeitung, which hosts Lücker’s blog, and demanded that Lücker be fired.“

19.01.18 Die
New York Times berichtet. Im Gegensatz zu slippedisc oder BR-Klassik kann sie nicht nur mit Lücker, sondern auch mit Hope kommunizieren. Hope gibt zudem hier bekannt, dass er seine anwaltlichen Schritte stoppe. Über Moritz Eggert wird gesagt, er habe das Video gepostet statt Lücker: „The composer Moritz Eggert, who posted the video on his „Neue Musikzeitung...“

20.01.18
Hundert11.net veröffentlicht einen zusammenfassenden Text, der kurzzeitig besagt, dass der Chef der Deutschen Grammophon beim Konzerthaus angerufen habe, anstatt – wie bei VAN – bei der nmz. Ein Facebook-Kommentar spiegelt die ursprüngliche, nun korrigierte Version wider: „Im VAN-Artikel steht aber nichts von einer Beeinflussung des Konzerthauses durch die DG, sondern von einem angeblichen Anruf Trautmanns bei der nmz, um Arno künftig als Autor zu verhindern...“ Wie gesagt, das wurde bereits korrigiert. Und am gleichen Tag trafen sich endlich Hope/Lücker.

21.01.18 slippedisc meldet die Versöhnung. Ich poste das Versöhnungsbild, genauso slippedisc, an der
FB-Wall des Konzerthauses, mit der Bitte „let prevail clemency“, damit Lücker auch nächste Saison am Konzerthaus moderieren darf. Bisher keine Reaktion.

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