Für die Ewigkeit?


Wie war das nochmals: "aus der Dunkelheit ans Licht", "das Unbeschreibliche, hier wird's getan", "zum Augenblicke dürft' ich sagen: Verweile doch! Du bist so schön!". Das klingt Alles nach höheren Dingen, die unendlich lange Bestand haben werden. Besser gesagt: haben sollen. Wer kennt schon die Ewigkeit, um über sie wirklich eine Aussage wagen zu können. Ohne Hokospokus oder religiöse Transzendenz und deren Glaubensgewissheit scheint das Ewige für das Diesseits ein unbrauchbares Konzept zu sein. Aber ist nicht alle Kunst für eine lange Zeit ausgerichtet, werden heute nicht schon wertvolle Schokoladenskulpturen professionell restauriert, obwohl sie doch in ihrem Zerfall ein Sinnbild für das Konzept des Ewigen sein soll? Da prallen zwei Konzepte von Zeit aufeinander, Sakrileg müsste der Erschaffer der Schokolade schreien, oder sie sich schnell vor den Handschuhen des Restaurators oder Galeristen oral einverleiben, zum Schmelzen bringen, etc. Das nimmt sich noch witzig aus!


Im klassischen Musikleben wird es richtig bizarr. Schrieb man vor dem 19. Jahrhundert zwar mehrheitlich zu Ehren des ewigen Gottes, war die Musik selbst alles andere als auf ewigen Bestand angelegt. Die Besetzungen waren im Frühbarock immer von den Gegebenheiten vor Ort abhängig, ein Grossteil des Materials wurde sowieso von dünnen Notaten ausgehend improvisiert, das war sogar die Grundlage der kompositorischen Ausbildung. Teile eines Werkes wurden just in andere Stücke eingebaut, man schrieb neue Teile für Werke fremder Kollegen, da deren nicht mal fünfjährige Komposition schon als veraltet galt. Natürlich entwickelten sich die Instrumente, man fixierte langsam die Partituren genauer als Ergebnis der neuen Klangmöglichkeiten und Schreibstile. Das Ziel war aber immer eine bestimmte Aufführung, die für einen bestimmten Zweck des bürgerlichen, geistlichen und höfischen Lebens gedacht war, im Auge immer eine Lebendigkeit als oberste Notwendigkeit.


Als Höfe und Religion durch Revolution und nationale Gebietskonsolidierungen allmählich zu Luftschlössern wurden, blieb als Zweck musikalischen Schaffens das bürgerliche Leben übrig. Das befand sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Aufbruch, erkannte seine Möglichkeiten, verlangte nach politischen Einfluss, pflegte, wenn jener verwehrt blieb, die Kultur des Salons. So lebendig und schwierig das historische Hin und Her, so lebendig blieb das Musikleben. Instrumente wurden weiterentwickelt, die Formen immer grossdimensionierter. Die Komponisten schrieben nun nicht mehr für den Ewigen und seine von Gott Gesalbten. Sie schrieben für die bürgerliche Gesellschaft, der Hofcompositeur wurde zum Komponisten, wurde eine Art Traumberuf. Plötzlich galt allein seine künstlerische Idee als Massstab, das Bürgertum unterwarf sich seiner Kunst in den neuen, grossen Konzertsälen und Opernhäusern. Es entstand letztlich die heutige musikalische Konzert- und Musiktheaterinfrastruktur, die eigentlich nur durch das Radio und dessen Klangkörper erweitert worden ist.


Verkürzt könnte man behaupten, daß mit dem Verlust der Musik für die ehemaligen Herrscher der Zweck von komponierter Musik als Dienerin sich allmählich zum Selbstzweck und Herrscherin des gehobenen bürgerlichen Lebens entwickelte. Wer es sich leisten konnte, investierte in die muskalische Bildung seiner Kinder wie in deren schulische. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es jenseits von Zithermusik für Arbeiter als "Klavier des einfachen Mannes" in grossen Betrieben Werksorchester- und Chöre, die den ärmeren Bürger genauso mit klassischer Musik versorgte wie Staats- udn Stadttheater vollkommen selbstverständlich am Wochende Matineen, Nachmittags- und Abendvorstellungen veranstalteten, um mit der Versorgung mithalten zu können. Arbeiterchöre und Arbeiterorchester erreichten in den Zwanziger Jahren ein unglaublich hohes Niveau, wie z.B. das mit Beiträgen Anton von Weberns Gesangsbuch der Wiener Arbeiterchöre demonstriert, genauso die damals entstehenden Volkshochschulen für die leistungsschwächeren Bürger. Der musikalische Selbstzweck und die Unterwerfung darunter erfasste weite Teile der Gesellschaft vieler Schichten, tiefer, als man es heute ungebildeteren, ärmeren Menschen zutrauen würde.


Der Komponist schuf so weithin bewunderte Werke, eine ganze Verlagsindustrie befasste sich mit der Verbreitung in Prachtausgaben, die an alte Bibelfolianten des Mittelalters denken lassen. Wie früher das Wort für die Ewigkeit gelten sollte, traf es nun auf die Töne zu. Die unglaubliche gewachsene Anzahl an Ausübenden und Hörern verhiess ewiges Wachstum, Fortschritt, ähnlich, wie es auch Kapitalismus und Sozialismus verhiessen. So wundert es auch kaum, wie dann nach dem 1. Weltkrieg Sozialismus und Kommunismus neben allen anderen Künsten auch besonders die klassische Musik und deren Komponisten unter ihre Fittiche nahmen, unter ihrer Knute die Massenmöglichkeiten für ihre Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik einsetzten.


Nach dem 2. Weltkrieg hatte natürlich kein ernsthafter Komponist mehr Lust, sich von der Politik vereinnahmen zu lassen. Genauso schwand im Publikum die Begeisterung für die ehemals freiwillig eingesogene Klassik, die nun als regimeabhängig staatlich verordnet wahrgenommen wurde bzw. sich diese Auffassung bis heute allmählich Bahn brach. Die gewachsenen Strukturen der Zwanziger Jahre wurden nicht mehr erreicht, z.B. schwand das Repertoireniveau der Arbeiterchöre, welches 1930 sogar Atonales umfasste. Es blieben die Volkshochschulen, die in grossen Städten heute immer noch viel für die Vermittlung der klassischen Musik leisten, die Neue Musik der Nachkriegszeit allerdings schnell Kochkursen oder dem Integrationskursauftrag opfern, natürlich auch wirklich wenig Interessenten dafür finden, da sich die heutige Hörerschaft aus generell sehr gut vorausgebildeten Menschen zusammensetzt.


Wie die Musikausübung aktueller Musik, trotz entsprechender Neue-Musik-Kategorien bei Jugend musiziert, allmählich wegbricht, das Publikum gerade noch für Klassik und Romantik breiter zu gewinnen bzw. zu halten ist, trotz gewisser Unlust, schliessen und fusionieren Theater und Orchester. Es kamen zwischen 1945 und 1950 zwar mächtige Rundfunkanstalten dazu, die die nun erstmals eigentlich wirklich von politischen Erwartungen und Vergötterung durch das Bürgertum freien Komponisten förderten. Das hat allerdings bis heute auch schleichend abgenommen. Die Probleme Stockhausens am WDR für Neue Musik in den Redaktionshirnen sind heute die gleichen und verschärft durch die Streichkonzerte, die nun auch den Rundfunk erfasst haben. Ganz zu schweigen von den Finanzmittelrückgaben an die Gebührenzahler, die nach der neuen Haushaltspauschale in den nächsten Jahre drohen. Das wird den Konsolidierungszwang noch stärker spürbar auf die Insel der seligen Komponisten verstärken. Die Verlage unternehmen heute nicht mehr eigentlich als Notenausdrucken für die Komponisten, das Material ihrer Werke bereits selbst finanzieren müssen. Es gibt löbliche Ausnahmen, ansonsten sieht es schwierig aus.


Nun ist die Gewissheit einer Ewigkeit der eigenen Bastionen endgültig ins Schwanken gekommen. Wie wunderbar - oder doch eher wunderlich -  wirken Kollegen, die immer noch von Hand schreiben, ihre Skizzen und Vorlagen wohlgeordnet archivieren. Da kann ich nur sagen: schmeisst Eure Skizzen weg, macht Euch leicht! Es genügen die schweren Partituren. Denn wenn nach Eurem Hinscheiden doch ein Teil Eurer Musik überleben sollte, wird die Musikwissenschaft und die verbleibende Musikindustrie Euch solange in Urtexten vorlegen, bis von Eurer Partitur vor lauter neuen in den Skizzen aufgefundenen Alternativen keine Klarheit mehr bleibt, die Klarheit, lebendig und mobil mit Eurer Musik umzugehen, wie Ihr es jetzt hoffentlich schon selbst macht. Jetzt blockiert das Urheberrecht ja schon manche eigene Selbstaufführung oder Inspiration durch die Kollegenschaft. Wie wird es dann später aussehen, wenn jede neue Skizze das Urheberrecht der posthumen Herausgeber verlängert? Sichert die Einnahmen für Eure potentiellen geliebten Hinterbliebenen. Ansonsten gibt es keine weitere Ewigkeit, zumindest diese alte Bürgerliche!


Antworten für eine neue Zeit der Seligen, wie kurz dieses Zeitalter auch nur sein mag, vielleicht nur ein Übergang, ist fast unmöglich. Wichtig aber ist, weg von der Sakrosanz des Notats und der Institutionen zu kommen, die es fürderten und bedingten, jetzt aber immer auftragsunwilliger werden. Es braucht neue, anarchische Zusammenkünfte, jenseits der guten Absichten des erneuerten Darmstadts! Dazu könnte nun tasächlich das Internet taugen als Plattform der Vernetzung, der leibhaftigen folgenden Verabredung. Man plant zusammen im Netz, man arbeitet in Zusammenkünften live weiter, es zählt der Moment der Begegnung, des Ortes und der anwesenden musikalischen Ressourcen. Ja, warum nicht selbst singen, mit allen Un-Arten von Instrumente spielen, mit Smartphone-Instrumenten-Apps. Konzerte, deren Ablauf genauso von den an- oder abwesenden Künstlern abhängt, Werke die dann mal so oder ganz anders aussehen.


Aktuell gibt es ja schon viele Anstrengungen über das Internet das Urheberrecht, die Noten- und Musikverbreitung, die Begegnung aufzuweichen, neu zu modellieren. Wenn man nun allerdings gerade so über die Internetseiten der besonders technickaffinen Kollegen streift, stösst man gerade dort immer wieder auf Partituren, die extrem lange Anweisungen beinhalten, lange Probenzeiten benötigen, in ihrer Fixierung immer noch von der alten Ewigkeitsidee künden. Am mobilsten wirken die Partituren der Konzeptkomponisten, der Leute, die eher aus der Bildenden Kunst zur Musik kamen. Das verspricht durchaus Neues, wirkt natürlich für einen akademisch Ausgebildeten wie mich, z.B. in der Tonhöhenbehandlung, arg befremdlich. So lasst uns doch unsere Noten mobiler bekommen, neue Bestzungen fixieren oder bewusst offenhalten. Und uns selbst wieder mehr auf die Bühne bringen.


Es ist doch immer noch möglich, auch als Musikschaffender Menschen zu begeistern. Dass die Menschen uns eigentlich wollen und eine neue Art der Musik, zeigt doch jedes Konzert mit nicht-klassischer Musik, wo die Auftretenden begeistert begrüsst werden, das Publikum mitgeht, mitlebt, wie zu Zeiten des beginnenden 19. Jahrhunderts.


So denke ich an eine Musik, die bewegt und bewegt wird, ganz durch Menschen für Menschen. Eine Musik, die wach und veränderlich ist und dadurch Andere verändert, die nicht nur die eigenen Laute kennt, die auch die Laute der Zuhörer erfasst, im richtigen Moment Tausend verstummen, lauschen lässt, dann wieder alles mitsingen lässt. Wie eben damals in der sächsischen Provinz, als Weber seinen Freischütz aufführte, den Chor vermisste. Das Publikum verfolgte aufmerksam und leise die Solisten. Im Moment des Jägerchores fing allerdings der gesamte Saal zu singen an, so bedurfte es keines Chores. Das Stichwort wäre also nicht Neue Musik sondern mobile, bewegte, bewegende Musik, ewige Klänge für ein Hier und Jetzt, so veränderlich, wie sich die Welt selbst seit ihrem Bestehen ändert.



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