Bin ich Uwe Boll?


Wer, wie, was soll ich sein? Bis vor einigen Wochen war mir Uwe Boll noch kein Begriff. Nur von einer grausigen 9/11-Komödie, „Postal“, hatte ich schon mal gehört, ohne Genaueres davon zu wissen. Uwe Boll ist ein deutscher Filmregiesseur, der bereits zu Lebzeiten mit der „Goldenen Himbeere für das Lebenswerk“ ausgezeichnet worden ist, eine Art Anti-Oscar für die schlechtesten Filmproduktionen eines Jahres. Boll fiel bis vor einigen vor allem durch Produktionen auf, die so gnadenlos wenig an den Filmkassen einspielten, dass von den mittleren zweistelligen Millioneninvestitionen nur magere untere einstellige Millionenbeträge wieder hereinkamen. Mancher Investor nutzte dies als 100%-Steuerabschreibung seiner Verluste, womit er indirekt mit Bolls Verlustwerk wieder Gewinn machen konnte. Inzwischen ist dieses Modell wohl nur noch sehr eingeschränkt durchführbar, so dass Boll-Filme zum Teil nur als DVD erhältlich sind. Immerhin scheint dieses Geschäft des unteren Trash-Geschmacks so viel Absatz zu erwirtschaften, dass Boll jährlich zwei, drei Filme zu produzieren vermag. Ausserdem machte Boll auf sich aufmerksam, da er seine Kritiker zum Boxkampf einlud und bisher immer im Ring besiegen konnte. Die Kritik selbst fand bisher keinen Geschmack an seinen Produkten.




Wie die sind? Es werden Reizthemen wie 9/11, Holocaust, Zweiter Weltkrieg in einem sehr eigenartigen Trashhumor verarbeitet, mit einemSchwerpunkt auf möglichst direkten, realistischer Darstellung der schlimmsten menschlichen Verbrechen. Bisher scheint dies seinen abstrusen Höhepunkt in „Auschwitz“ erreicht zu haben, wobei man Alle Grausamkeiten der Judenvernichtung 1:1 wiedergegeben vorfindet, wie Goldzähneausbrechen, Brennofeneinfuhr, Erstickungstod, etc. Das Schauspiel dazu ist gotterbärmlich schlecht, genauso die gesprochenen Texte. Die Klischees, welche einzelnen Bevölkerungsgruppen wie Juden, Afroamerikanern, orientalischen Migranten zugeschrieben werden, sind gnadenlos eingehalten, überzeichnet, ironiefrei. Es mangelt also Bolls Darstellungen insgesamt an positiver, künstlerischer Distanz, Anteilnahme. In einer Szene aus Postal z.B. unterhalten sich zwei 9/11-Flugzeugentführer wieviel Jungfrauen Bin Laden jedem einzelnen nun versprochen habe. Wenn man weiss, dass die Entführer Fachhochschulabsolventen gewesen sind, irritiert, verärgert dieser „Stefan&Erkan“-Dialog immens, der die Entführer als mehr als dumm darstellt, rein „schwanzgesteuert“ sozusagen. Ein besonderer Knaller sollen zudem in jenem Film über den Haufen gefahrene, geschossene, geflogene vollkommen unbeteiligte Menschen sein, deren Körperteile dann von den Protagonisten mit schrägem Blick dem eigenen Hund zum Dessert gereicht werden. Und so weiter, und so fort.



Im Badblog of Musick wurde nun Boll von unserem agent provocateur Eggert listig als Lösung der neuen Ringregie ins Feld geführt. Dieser direkte, repektlose, konventionsfreie Naturalismus Bolls wäre tatsächlich die absolut unübertreffbare Fortführung des fast filmischen Bühnenrealismus von den Anfängen der Bayreuther Festspiele bis in die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Das machte mich erstmals mit Boll bekannter. Besondere Irritation und Nachdenklichkeit lösten folgende seiner Filmtitel aus: „Barschel ? Mord in Genf?“ und „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“. Wie der Zufall so spielt, gibt es von mir wie die Faust Schmelings auf mein Auge – oder doch nur die Bolls – zwei Musiktheater von mir, die die gleichen Menschen und Themen zum Inhalt haben: „Uwe&Elisabeth“ (2001) sowie „Joe&Max“ (2005). Wenn man nun von Bolls künstlerischer Unfähigkeit überzeugt ist, wie mir das Anschauen von „Postal“ und etlichen Ausschnitten aus seinen Filmen bisher leider nahelegte, man dann wieder das finanzielle Genie in ihm sieht, wird es mir ganz schauerlich im Überdenken gewisser Ähnlichkeiten. Ein Finanzgenie bin ich wahrlich nicht, was sich allein am kommerziellen Nicht-Erfolg dieser Opern und an meinem bisher nicht vorhandenen Weitervermarktungstalent ablesen lässt. Dennoch sind genau die beiden oben genannten Musiktheater Eigenproduktionen wie die meisten Bollfilme. Ist das die einzige Koinzidenz?



Neue Musik, die ich weitestgehend komponiere, aus der kommend ich mich sehe, sucht ja immer per definitionem nach neuen Darstellungsformen, ungewöhnlichen Klang- und Sichtweisen. Sieht man den fratzenhaften Hyperrealismus Bolls, könnte er im Feld der Neuen Musik als Meta-Ladsilav-Kupkovic, Anti-Arvo-Pärt, Hyper-Krzystof-Penderecki missverstanden werden, wenn man die Verwendung tonaler Musik wie Muster und deren Überzeichnung als musikalischen Realismus begreift. Das ist insofern einfach möglich, da die Lebensrealität der meisten Menschen der nördlichen Hemisphäre – ausser China – die tonale Musik und ihre einfachsten Formen, wie die des Songsschemas, ist.



Stehe ich nun in Bollverdacht allein wegen der Themen der beiden Musiktheater? „Joe&Max“ ist zugegebenermassen tatsächlich ein Stück, welches mit der naturalistischen Darstellung eines Boxkampfes beginnt, oft die Perspektive eines Dokudramas einnimmt, wenn man den jungen Joe Louis auf den nächtlichen Strassen Detroits zu folgen glaubt oder der Manager Schmelings telefoniert. Oder die Talkrunde in der vorvorletzten Szene zwischen Schmeling, Louis und einer Reporterin. Ohne jetzt zu sehr über die Grundlagen des musikalische Materials zu sprechen, wie Silbenvertonungen der deutschen Boxbefehle für Schmelings Charakter, die englischen als Klanganalyse, eine temperiert modifizierte Obertonharmonik als Zeit- und Musikstilrutschbahn, versucht eine ständige Verfremdung den Boxrealismus zu durchbrechen. Die Boxer erhalten sängerische Doubles, allen anderen Rollen werden von einer Schauspielerin übernommen, gesprochener Text in seiner Geschwindigkeit wird mit gesungenem Text in seiner Länge verknüpft, die schon eben erwähnten Boxbefehle werden durch innere Monologe erweitert, etc.



So merkwürdig manche Szenerie dann wirkte, die Tonaussteuerung wegen Zeitmangel bei der Premiere noch zu laut war – was prompt Hauptkritikpunkt in zwei Blättern wurde – und Boxdramen nicht zu Münchens Hauptereignissen zählen (,wo hier nicht mal Fussballopern über den FC Bayern richtig zünden, was an einer gewissen Spassabstinenz des breiteren Opernpublikums zu liegen scheint, wenn es nicht nette Regiespässe im Gärtnerplatztheater sind), kam es im gesetzten Rahmen eines kleinen Theaters doch sehr gut an, blieb manchem bis heute alsmusiktheatralisches Event neben Biennale und Festspielen in Erinnerung, so ich den Menschen wirklich glauben kann.



Boll wählte nun auch einen richtigen Boxer für sein Schmeling-Opus als Hauptdarsteller, der dann auch noch richtig spielen und sprechen darf: Henry Maske. Im besten Respekt vor dessen kämpferischen Erfolgen und seiner echten Verehrung für Max Schmeling – das was ich von dem Film sah, ist hölzern und überbemüht in seinem Naturalismus, dem Regiesseure immer wieder auf den Leim gehen, wenn sie Mittel der amerikanischen Filmindustrie einsetzen, was natürlich gerne auch all unseren kleinen Emmerichepigonen der Münchener, Babelsberger und Ludwigsburger Akademien unterläuft, wenn gewisse Mittel des Films nicht eine Distanz zur Vorlage schaffen, die eine eigene künstlerische Sichtweise eröffnen. Am liebsten wird dann im Drehbuch leicht ahistorisch die Handlung gekittet, darf das Liebespaar nicht fehlen, ein paar Spezialeffekte, die keiner braucht oder in effektlosen wie musikfreien Filmen die Botschaft brutalstmöglich auf den Zuseher losgelassen.



„Uwe&Elisabeth“ wäre nun vor Boll selbst garantiert durchgefallen, da auch hier nur wenig Recherche und Dokudrama eingesetzt wurde. Im Gegenteil: es dreht sich nur um die unterschiedlichen Wege des Todes von Uwe Barschel und Elisabeth von Österreich alias Sisi am Ende ihres Leben im gleichen Hotel „Beau Rivage“: er starb im Hotel und endete im Wasser, sie starb beim Promenieren durch Messerstich am Wasser, brach auf einem Schiff zusammen, starb im Hotelbett. Die wenigen Gegenstände, wie seine Tabletten oder sein Aktenkoffer, seineausgezogenen Schuhe, ihre geliebten Alleenkastanien vor dem Hotel, ihre Haare, die Mordwaffe, werden zum Zentrum der Klänge einermusikalisch-szenischen Poetologie, in der die Grenzen zwischen Orchester und Bühne aufgelöst werden sollten, was bei der Uraufführung nicht ganz gelang. Ein Naturalismus der Klangmittel in kurzen poetischen Bildern hin zum tragischen der Tod der Beiden, deren Ende immer noch durch das „Beau Rivage“ geistert, als ob die Erd- und Wassergeister sich noch immer um die Todesarten streiten, wie man sich um Barschels Ende noch hin und wieder den Kopf zerbricht. Das Stück dauert knapp zwanzig Minuten, eine Petitesse, die aber über das Mysterium der Beiden mehr aussagt, als alle aufgebauschten Dokudramen, die sich mitunter noch eine Kritik am deutschen Filmsystem aufhalsen, so berechtigt diese damals und heute immer noch sein mag.



So bin und bleibe ich Alexander Strauch, der zwar abseitig ab und an Musiktheater selbst kreiert ohne mächtiges Haus im Hintergrund, mit den Themen auch nah am Kitsch entlang operiert, krude Perspektiven abseits des heutigen Musiktheaters des Raunens und der Bühnenentfernung sucht. Dennoch ist mir eine Materialdurchdringung wichtig, benutze lieber Trashelektronik anstatt der neuesten MAX-XYZ-Applikation, was mich manchem Wichtigen durchaus als unseriös erscheinen lässt, wagte mit „Morbus Teutonicus“ eine Hitlerfarce, die bisher ungelöst und beendet in meiner Schublade dämmert.



Eigentlich sind mir die Tiraden Bolls gegen das deutsche Filmestablishment sehr sympathisch, v.a. seine Dennoch-Unabhängigkeit, so abseitig sie sein mag. Fraglich ist allerdings, wie kühl und menschenvernichtend seine Darstellungen sind, dies auch noch ultimativer Humor sein mag. Das erinnert so an manche türkische Filmproduktion, die mit Spass US-Soldaten metzelt, Boll-artig dabei vorgeht. Dieses künstlerischeUnvermögen lässt dann leider jeden Ruf Bolls gegen das „System“ ungehört verhallen. Manchmal erscheint auch mir mein Wettern im o.g.Badblog of Musick als halllos, bestätigt das manche Selbstzweifel an Relevanz, die anonyme Kommentierer aus dem Neue-Musik-Establishment dann bei mir hinterlassen, wenn sie die „Angekommenen“ feiert und den Rest, gerade die nicht nur still freundlich auf Empfängen mit dem Kopf nicken, sondern das Maul ab und zu kommentierend oder ich hier jetzt bloggend zu weit aufreissen, die „Nicht-Angekommenen“der kompositorischen Unfähigkeit zeiht. So sieht man sich selbst plötzlich kurzzeitig als Neue-Musik-Widerpart Uwe Bolls an.



Wenn man die Schubladen der Hochkultur, sei es die des Films oder die der Oper und der Neuen Musik, nicht genau bedient oder diese Unfähigkeit mit entsprechend genialischen Wort-, Symposiums- oder Promotionsgetöse kompensiert, nicht oder etwas unglücklich seine Mentoren für sich einnimmt, wird das künstlerische Leben sehr utopisch. Allerdings sollte gerade die Neue Musik, die sich der „Kritischen Theorie“ verwurzelt sieht, die Szene sich ständig neu hinterfragen und nicht in den ewig gleichen Statements der Diskussionsrunden, Programmhefte, Stücktitel und Fördermühlen selbst bestätigen.



Aber die Neue Musik, wie sie sich weniger in den Komponisten denn den Institutionen sieht, geht nun den gleichen Weg wie Bayreuth: mankonsolidiert sich und seine Einrichtungen, wie es Cosima mit den Bayreuther Festspielen nach Wagners Tod gelang, was aber Vieles auchunlebendig zementierte, wie die heftigen Reaktionen auf Wielands Neubayreuth oder Wolfgangs Besetzungen zeigte, die allerdings in den letzten Jahren auf der Regieseite auch was leicht bemüht neuartiges bekamen, mehr an der Oberfläche als im Inhaltlichen. Und so oder soähnlich gerinnt die Neue Musik-Szene, nur dass sich die Frage nach der eigenen Oberflächlichkeit jetzt bereits stellt, nicht erst Jahrzehnte nach dem Tod eines solitären Meisters: Das ist ihre grosse Chance der Selbsterneuerung, dass kann aber auch zu ihrem schnellen Ende, aus banalen finanziellen Gründen führen, da eben die solitäre Gestalt wie in Bayreuth fehlt.



Natürlich muss man um die Finanzen kämpfen, an die Wahrhaftigkeit der Schreiber, der Programmierer und der Kritik glauben und appellieren.Dennoch muss das Inhaltliche erweitert werden, auf unterschiedlichste sehr individuelle Lösungen der Komponisten fokussiert werden als selbst eine kanonische Erwartungshaltung aufzubauen und selbst zu reproduzieren. Sonst lieber doch das Streichkonzert! Nach dem Dahinsterben der Altavantgardisten, dem Fehlen ebenbürtiger schulbildender Querköpfe, Querständigkeit heute viel einfacher und üblicher ist als zur Gründerzeit der gängigen Festivals ist mit Superprovokateuren im Klanglichen kaum noch zu rechnen, laut und leise, hoch und tief, streng und zufällig: Alles schon da. Es geht um die Hebung des Erbes, auch um Konsolidierung des Materials, was nicht gerade nach stürmischen Zeiten klingt.


Dennoch könnte eine ungemein grössere Betonung der unglaublichen, heutigen breiten Individualität vieler Komponisten zu einer neuenInhaltlichkeit oder Wahrhaftigkeit führen, einer ganz anderen Art eines Sturm und Drang. Da ist Naturalismus und Realismus neu gefragt, denkt man an die masslosen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und besonders ökologischen Probleme, höchst bekannt, ungelöster in einem Wurf denn je. So wie es dafür den grossen Wurf nicht mehr gibt, wird es ihn im Sinne des Originalgenies Gott sei Dank immer weniger geben. Gemeinschaftliche Lösungen sind gefragt, gerade auch durch die umweltbelastenden Neuen Medien vereinfachter denn je möglich. So könnte Musik aller Art zukünftig weniger im Sinne einer banalen „sozialen Skulptur“ denn viel mehr einer ewigen Dombauhütte zustande kommen. Einerseits also noch mehr Mut zu nicht immer erwartungsgrechter Individualität bei den Machern, mehr Lust nach einzelautorschaftauflösender Gemeinschaft bei den Schöpfern. Und hoffentlich bleibt Boll das Finanzgenie Boll und Strauch der Komponist Strauch! Euer Alexander Strauch

Trackbacks

    Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)

    Noch keine Kommentare


Die Kommentarfunktion wurde vom Besitzer dieses Blogs in diesem Eintrag deaktiviert.