„Senkblei – Neue Musik für drei Zithern“


Senkblei – Neue Musik für drei Zithern“



Leopold Hurt aus Hamburg/Regensburg, Reinhilde Gamper aus Südtirol und Martin Mallaun aus St. Johann in Tirol als Zithertrio „Senkblei – Neue Musik für drei Zithern“ in der Reihe mai.musik.messestadt im Kulturzentrum-Messestadt als Gastspiel von mittwochs im Giesinger Bahnhof



Alle Wege führen in München in die Innenstadt, der Personennahverkehr ist für seine Fixierung auf das Zentrum berühmt-berüchtigt. Kein Wunder, wenn sich die Kulturtempel hier finden! Seit einigen Jahren wächst allerdings in den Randbereichen Neues, von Pasinger Fabrik über Kultfabrik bis zum Schwere Reiter. Einer der Umtriebigen in Sachen neuer und experimenteller Musik ist Karl Wallowsky. Er startete mit dem Kunstbahnsteig im alten Giesinger Bahnhof und eroberte mit seiner Reihe „mittwochs“ neue alternative Lokalitäten vom Kulturhaus Milbertshofen bis zum Kulturpavillon am Romanplatz. Diesen Mai zog es ihn in das Kulturzentrum-Messestadt im Riem-Arcaden-Klotz zur mai.musik.messestadt.



Hat man sich mit der U-Bahn bis Messestadt West durchgeschlagen, sich in den Riem-Arcaden ein-, zweimal verlaufen, findet man hinter den dortigen Fresstempeln auf der Rückseite des Blocks den unscheinbaren Eingang, in dem es nach Fischsauce aus der benachbarten Fressbude riecht. Der Lift bringt einen in den dritten Stock. Typisch für ein Stadtteilkulturzentrum begegnen den Ankommenden Damen mit Isomatten aus der Yogastunde eilend. Ein Blick nach Osten durch das Panorama-Fenster oder ein Gang auf die Raucherterrasse ziehen das Auge unverhofft auf ein grandioses Alpenpanorama in der Maiabendsonne, passend zur erwarteten neuen Zithermusik. Endlich öffnet der Saal seine Türen, es würden immerhin zweihundert Besucher darin Platz finden, ist in dem fensterlosen Raum, der immer noch nach „neu“ riecht, Konzentration angesagt. Dass noch viel missionarischer Eifer gefragt sein wird, beweist die eingefleischte, kleine Besuchergemeinde. Lag es an der Neuen Musik, am Instrument oder dass parallel der Zitherguru Glasl an der Musikhochschule ein Konzert gab?



Das Konzert begann mit „Senkblei“ für alle drei Spieler des auch als Komponisten wirkenden Leopold Hurt, dessen beide Einträge aus „Logbuch“, von ihm selbst und Martin Mallaun solistisch gespielt, die weiteren Stücke des Abends einrahmten. Die Titel liessen eine nautische Wende bei dem Oberpfälzer aus Hamburg vermuten. Tatsächlich lotete er im Trio die Tiefen der riesigen Basszither, deren Modulationen von Naturtönen auf den längsten Saiten aus, auf welche die beiden anderen Partner präzis mit kurzen Einwürfen reagierten, sich so ungewohnte Klänge auftürmten. Genauso klar, in ihrer Materialbeschränkung karg, aber vorwärts drängend wie widerborstig-mikrotonal die beiden Solo-Logbucheinträge.



In der Mitte des Abends stand das Trio solitudine vaga der jungen Tirolerin Manuela Kerer. Sehr vielgestaltig, brilliant in den Effekten, wirkte es gewollt oder unbeabsichtigt zu zerfahren, lockte es nicht in seiner Schrundigkeit, die gerne noch extremer hätte ausfallen dürfen. Dagegen wirkte das Trio AN/MARIEN/DACHT des jungen Münchners Johannes Schachtner kristallin in seiner Anlage von drei unabhängig übereinander gespielten alten Marienliedern, die Mittelstimme um die Schwebung einer Natursept zu tief gelegt. So irrlichterte das Ohr fasziniert zwischen dem Gesamteindruck und der Wahrnehmung der Einzelstimmen. Die Beiden werden mit Kammeropern auf dem elften A•DEvantgarde-Festival am 11. und 12. Juni in der Reaktorhalle zeigen, wie sie grössere Bögen bändigen können.



Bevor mit Musik der erfolgreichen Komponistin Helga Pogatschar das Konzert zu Ende ging, war ihr Solo Moonwalker II mit Zuspielung von Reinhilde Gamper traumschön gespielt als zweites Stück zu hören. Man fand sich in einer skurril neu klingenden Welt zwischen „Der Mond ist aufgegangen“ und heulenden Werwölfen wieder, Mensch und Monster im Gesang an den treuen Begleiter vereint. Das Trio underground surround mit Interview-Zuspielungen, was und wie denn Anton Karas' Musik zum Orson-Welles-Film „Der Dritte Mann“ so sei, mit viel Humor und klitzekleinen Längen zwischen den Interviewironien, stimmte auf eine kurzweilige Heimfahrt ein. So wollte man mit einigen Besuchern noch ein Bier in der Messestadt zischen, leider hatte nur noch die Hotelbar um die Ecke einladend geöffnet, was aber gar nicht zum Konzerteindruck passen wollte, war das Alpenpanorma auch nicht mehr zu sehen. Es blieb nur die Alternative „Fraunhofer“ in der Isarvorstadt – immerhin bringt die U-Bahn einen dort direkt hin.


Alexander Strauch



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