Konzert der Kompositionsklasse Jan Müller-Wieland




Der Komponisten-Nachwuchs zeigt sich


Sommersemester 2011, Konzert der Kompositionsklasse von Prof. Jan Müller-Wieland an der Münchener Musikhochschule:


Eine Musikhochschule ist ein merkwürdiges Objekt: talentierte, junge Menschen, bewegen sich in einem Schutzraum. Hier erfahren sie das Unterrichten und Konzertieren. Wird der Kokon gelüftet, kommt es zum Ernstfall „Konzert“, stehen die jungen Menschen voll im Rampenlicht. Die zweite Seltsamkeit: Trotz all des Tonsatzes und musikpädagogischer Diplomarbeiten, liegt der Schwerpunkt im Praktischen.


Vertrackt wird es, wenn Kompositionsklassen ein Konzert geben. Die Studierenden dieses Faches sind selbst Musiker. Dennoch sind sie auf Instrumentalkommilotonen angewiesen, um das neu Erprobte zu hören, es sich nicht allein im stillen Kämmerlein per Computer oder Klavierspiel vorzuspielen. Behilft sich ein Instrumentalist mal phasenweise mit Vielüberei, bringt Vielschreiberei nichts dem Komponisten. Er muß lernen, Ideensuche, deren Verwerfen und weite Strecken von Gedankenleere intellektueller Prozesse zu ertragen, bis das eigentliche Schreiben startet. Kompositionslehrer verstärken diese unangenehmen Seiten, die den Studierenden ganz auf sich selbst zurückwerfen, zur Befruchtung der künstlerischen Reife. So gleicht ein Kompositionsstudium einer Philosophenschule, weniger im Sinne einer zu akademischen Graden zielführenden Universität, sondern dem eingangs beschriebenen Schutzraum.


Der erste Abendeindruck: mancher männliche Student der Jan-Müller-Wieland-Kompositionsklasse sprach von intellektuellen Höhenflügen, dennoch wurde das Rad nicht schon wieder neu erfunden, wie es angeblich täglich in der Neuen Musik der Fall ist. Zweitens: durch die Bank sind die Tonhöhenverläufe fast wieder tonal, werden nicht verkrampft neue Harmonien gesucht, sondern das vorgefundene Material der letzten hundert Jahre forsch angewandt. Die expressionistischen Eingangs- und Finalstücke von Tobias Peschanel und Christian Dieck waren darin am extremsten. Peschanels Wolkensteinvertonung „Lied Nr. 3“ mit ihm selbst am Klavier und dem Bassbariton Thomas Stimmel spielte mit tonalen Akkorden, die durch Schläge ins Innere des Klaviers zwischen Geräusch und Verklingen nachhallten. Es begann langsam, verflüchtigte sich dann ein wenig in Textabspulen, dem eine verschärfte Akkordik hätte entgegenwirken können. Am Ende sang Stimmel in den Resonanzraum des Flügels, als ob er im Maul eines Krokodils die Zahnreihen kraulte. Diecks The Day will come mit den schönen Zitherschwestern Kos war das harmonisch beeindruckendste, freieste Werk, grübelte leider darin formal vor sich hin. Wenn er darin noch Kontur finden wird, kann man noch viel von ihm erwarten!


Arash Safaian verlor zuviel Worte über Monologe, warb unangenehm für seine neue CD. Umso schöner war dafür sein virtuoses Akkordeonstück „Alpha“, ausdrucksvoll von Stefanie Schumacher interpretiert. Man hörte eine bachchoralartige Tonwelt, gespielt in impressionistisch pointillistischen Pixeln des tupfenden Akkordeonsatzes. Extra aus Paris holte Jan Müller-Wieland seinen dort ein Austauschsemester verbringenden bayerischen Lockenkopf Gregor Mayhofer. Auch selbst an Klavier und Laptop spielte er seine unprätentiöse „Etüde für Klavier und Ringmodulator“, ehemals ein Riesengerät, heute eine Mini-PC-Applikation, die auf einfache Weise effektvoll den Flügelklang verfremdet. Kraftvoller Beginn und Ende reizten die Live-Elektronik voll aus. Trotz Programmwechseln trat das Stück in den langsamen Momenten ein auf der Stelle, klang es nach Strawinsky-Verehrung, die einem in Paris unterlaufen kann, wo dessen „Sacre du Printemps“ vor 98 Jahren uraufgeführt wurde.


Besonders imponierte Marina Schlagintweit, die ihre Stücke mit jener jugendlichen Gelassenheit ansagte wie die deutsche Grand-Prix-d'Eurovision-Lena. Sie spielte selbst ihr Klavierstück „Sleepless“. Souveräner und nachhaltig beeindruckend ihre sich von der Textvorlage emanzipierende „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“ nach Ernst Stadler mit der formidablen Sängerin Bettina Ullrich und drei Musikern unter dem Dirigat ihres Lehrers Müller-Wieland: Jazzgesang versöhnt mit Klassik und Neuer Musik. Von ihr wünscht man sich auf alle Fälle bald eine Oper!


Alexander Strauch




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