Zweimal Klaviertrios: Klangspuren & Bayeriche Akademie der Schönen Künste



Zweimal Klaviertrios: Klangspuren mit Christoph Reiserer & Bayeriche Akademie der Schönen Künste mit Fredrik Schwenk und Volker Nickel


Zwei Konzerte mit Klavier-Trios und Quartetten zeitgenössischer Münchener Komponisten: zuerst die Münchener Biennale mit den „Klangspuren“ Uraufführungen der Autodidakten Christoph Reiserer und Gunnar Geisse in der Black Box des Gasteigs, tags darauf die Bayerische Akademie der Schönen Künste mit neuen Werken beider hochschulisch ausgebildeten Fredrik Schwenk und Volker Nickel.


Soll man kleingehalten von neuer Musik oder doch epochenbezogen großgeschrieben von Neuer Musik sprechen? Stockhausen, Kagel, Cage, Nono und Ligeti sind längst gestorben, Boulez wie Henze sind hochdekorierte Altmeister. Neue Musik als Bürgerschreck oder als Filzlaus im Fell der klassischen Musik – wie Lachenmann, auch im Ruhestand, vor vielen Jahren sagte? Zwar zeigen sich immer noch manche Abonnenten türschlagend von ihrer unschönen Seite, wenn Schönberg erklingt. Dies wirkt doch heute als eingeübte hochkulturelle Verhaltensweise wie standing ovations nach Mahler oder Bruckner. Neue Musik ist sozusagen als Schattenseite der Klassikindustrie längst von ihr aufgesogen worden. So ist es immer paradox, wie neue/Neue Musik in der Klassik verwurzelt bleibt, egal ob sie sich akademisch, experimentell oder rockig gibt. Sie zieht zwar auch einige Interessierte der anderen Lager an, insgesamt bleibt man zur Zeit noch unter sich.


Dies sah man geradezu paradigmatisch an den beiden Abenden: zwischen sechzig und achtzig Besuchern zählte man, davon nur weniger als die Hälfte bestimmt über fünfzig Jahre alt, knapp ein Achtel konnte mit mehrheitlich über dreissig Jahren als „jung“ bezeichnet werden. An den Preisen konnte es nicht liegen: die Klangspuren der Biennale kosten zwischen sieben und zehn Euro, die Akademie ist kostenlos, gibt nach der Veranstaltung einen bescheidenen Empfang. Beide Reihen sind mehrere Jahrzehnte alt, also eigentlich etabliert. Beide findet man im Internet, die Biennale hat sogar einen bescheidenen Facebook-Auftritt. Komischerweise wies da die Spielart-Seite auf das Konzert hin. So werden die neuen Netzwerke sträflich links liegen gelassen, gibt es keine Kooperation mit der Volkshochschule, versucht man keine Studenten zu begeistern, Musikschüler und Musikgymnasiasten – ebenfalls Fehlanzeige.


Es handelt sich nicht um Ausprobierbühnen, die als Slams meist mehr Besucher vorzeigen können. Nein, es werden veritable Aufträge aus Steuer- und Stiftungsmitteln an Komponisten vergeben, die dann im Verborgenen uraufgeführt werden. Selbst wenn an beiden Abenden parallel Thielemann den soft-modernen Rihm mit der Saal-voll-Garantie Mahler paart, hat der Großraum München laut Wikipedia 2,6 Millionen Bewohner, welche die beiden anderen Konzerte problemlos erreichen könnten, so dass da noch ein großer Schatz zu heben ist, denkt man an die gar nicht so schlecht besuchten Orchesterkonzerte der Musica Viva des Bayerischen Rundfunks. Oder sollte dies nur das Feigenblatt jenes Senders für Neue Musik sein, statt seiner Verantwortung als Multiplikator nachzukommen? Denkt man an Köln oder Frankfurt am Main, werden dort sogar Hochschulklassenabende aufgezeichnet und gesendet.


Wer den Klangspurenabend verpasste, ließ sich eine Konzertkomposition im wahrsten Sinne entgehen. Christoph Reiserer suchte die Stücke des Abends aus, während dem ihn immer wieder Siegfried Mauser zu den Stücken interviewte. Reiserer verband das Schubertsche Original-Adagio in Es-Dur für Klaviertrio mit seiner sogenannten „zeitgemäßen Bearbeitung“, spiegelte und verlegte den Baß in den Sopran und umgekehrt: tiefe Schwere zu hoher Leichtigkeit, Dur zu Moll, das Klavier in Cello und Geige. Schubert klang um hundert Jahre geschärft wie ein Zeitgenosse Ravels und Pfitzners. Reiserers eigenes „Klaviertrio“ war eines ohne Pianist, nur mit den beiden Streichinstrumenten und einem Computer, der aus den Frequenzen Liveinstrumente einen Klaviersound karikierend schuf: endlich einmal dominierten die kleinen Partner den Tastenriesen, zwangen ihn zu Kleinstintervallen, die es auf ihm gar nicht gibt. Das Experiment gelang am überzeugendsten, wenn die Streicher ebenfalls mikrointervallige Gestalten spielten. Zuvor gab es noch ein frühes Klarinetten-Cello-Klavier-Trio der russischen Urkraft-Komponistin Galina Ustwolskaya, was ihre späteren Klanggewalten kaum erahnen ließ. Alle Musiker (Sachiko Hara, Mathis Mayr, Heinz Friedl, Michaela Buchholz, Gunnar Geisse) trafen sich in Cages bezauberndem „Five“. In der Mitte hatte Gunnar Geisse seinen Platz, den ihm nobel Reiserer in seinem Konzert einräumte, an der Laptop-Gitarre mit „The Day Rauschenberg met De Kooning“. Ganz im Sinne der Übermalung des einen eines Bilds des Anderen sampelte, ja klaute Geisse sein Material aus Schnipseln anderer Werke zusammen, brachte sie in drei Jahren Arbeit in eine neue Lebendigkeit, übertönte sie mit seiner eigenen Ausgestaltung. Es entstand ein vielgestaltiges, sehr komplexes Schnittwerk, das von ihm hochmusikalisch mit feinen melodischen Linien gespielt worden ist.


Dies gelang ähnlich intensiv am nächsten Akademie-Abend dem Cellisten Niklas Schmidt in Fredrik Schwenks „Abgesang“, einer Sarabande, ein traditionelles langsames Satzmuster z.B. in Suiten von Joh. Seb. Bach, und ihren Variationen. Aus den leeren Saiten des Cellos kroch eine herbe Melodik hervor, die sich immer wieder in lichte Klänge auflöste. Dies war der Epilog zu dem zuvor ebenfalls uraufgeführten „Zweiten Klaviertrio“. Ganz klassisch hatte es drei Sätze. Der erste als motorischer Dialog zwischen Streichern und Klavier, der zweite als ausgehörte Studie von wenigen Tönen als Linie und Klang. Im knappen Rauswurf-Finale boten Andreas und Anna Skouras an Klavier und Geige sowie Johannes Gutfleisch am Cello alle Kräfte auf: in wenigen Anläufen rasten sie in Tonleitern nach oben, um sich heftig in den höchsten Tönen ihrer Instrumente zu verfangen, als müsste das eben Gespielte hartnäckig wiederholt werden, wie wenn man von Worten doch zu Fäusten übergeht.


Dennoch unterhielt sich im Anschluss daran Moritz Eggert, der den Abend moderierte, freundschaftlich mit Fredrik Schwenk und Volker Nickel über deren Uraufführungen. Schwenk, Killmayer-Schüler wie Eggert, ist Professor für Komposition an der Hamburger Musikhochschule. Erfrischend konstatierte er, dass er trotz seines immensen theoretischen Wissens, das förmlich in der kurzen Gesprächsdauer aus ihm heraussprudelte, heute wieder mehr seiner Intuition vertraut als auf Konzepte baut. Dagegen sprach Volker Nickel von der Wichtigkeit des Arno-Schmidtschen-Zettelkastenprinzips für seine diskontinuierliche Zeitgestaltung und musikalische Schnitttechnik und seine große Verehrung des Kontrapunkts.


Das Klaviertrio erweiterte sich mit dem wunderbaren Bratscher Chia-Long Tsai zum Quartett für Nickels „Das Fliegenschleichen die kleine Seele“, eine Assoziation auf Küchenfliegen wie einen kleinen Kafkatext. Aus einem schlichten Dur-Terz-Beginn entwichen tatsächlich polyphone Gestalten, die in den ersten beiden Sätzen davonfliegen wollten, sich streng aus dem vorangehenden Material schälten, eine Abfolge kleiner und großer Imitationen, in verschiedenen Pulsen. Dies verwies auf Diskontinuität, blieb aber schnittfrei, war permanent sehr dicht und gab keinen Raum für hörende Erholung. Der letzte Satz war eine waschechte Fuge, die ähnlich wie Schwenks Finale drauflos stürmte, dann länger in mittleren Höhen verweilte, die Themen wie Fliegen immer näher an die süße, klebrige Frucht lockte, eine romantisch-flächige Allusion, und endlich nach einer gefühlten dreisätzigen Ewigkeit den Druck aus dem Kessel ließ. Wäre zuvor mal etwas Ruhe riskiert worden, hätte man noch mehr Fliegen einfangen können. So zeigte sich kompositorisch hohes Handwerk, dem allerdings manche schwenksche Intuition gut gestanden hätte, um das dramaturgische Mikro- wie Makroklima effektvoller zu gestalten. Zwar hätten sich die beiden Do-It-Yourself-Komponisten Reiserer und Geisse unendlich viele Kniffe bei Schwenk und Nickel abschauen können, doch lag auch der Paradeakademiker Schwenk ganz richtig, nach den bald dreissig Jahren technischer Vervollkommnung, mit neuer Gelassenheit seinem Bauch zu folgen. Vielleicht ist dies der Königsweg neben all der PR und sozialen Netzwerken, um ein klein wenig mehr Menschen für lebende alias lebendige Musik zu begeistern. Momentan stehen sich aber die Veranstaltungen und die dort gespielte Musik, egal ob „Neu“ oder „neu“, zu oft selbst im Wege.


Alexander Strauch



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